New Medical Schools – eine Chance für die Gesundheitsberufe“

 Bericht von Tagung von Hochschulen für Gesundheit e.V. am

 27./28. November 2016 an der Alice Salomon Hochschule Berlin

 

 

 

Der Verein Hochschulen für Gesundheit setzt sich seit seiner Gründung für innovative und angemessene Gesundheitsbildung(spolitik) ein ( → Archiv). Nach einer langen Schaffensperiode von Prof. Dr. Eberhard Göpel und seinem Rückzug aus der Vorstandsarbeit, konstituierte sich der Vorstand im Dezember 2015 neu (neue Ko-Vorsitzende sind Herr Prof. Dr. Uwe Bettig (ASH), Frau Prof. Christiane Mentrup (ZHAW) weiterer Vorstand: Frau Prof. Dr. Heidi Höppner (ASH), Frau Prof. Dr. Regina Lorenz-Krause (FH Münster), Prof. Dr. Thomas Hering (HSG), Dr. Peter C. Meyer (Experte für ZHAW), Prof. Dr. Clemens Werkmeister (WLH)).

 

In guter Tradition wurde die Mitgliederversammlung auch in diesem Jahr mit einer Tagung verbunden. Als schweizerisch-deutsche Koproduktion lud der Vorstand von HoGe e.V. nach Berlin ein. Der Tagungstitel erschloss sich im ersten Moment nicht allen Interessierten. Zu selbst-verständlich sind die gewohnten Strukturen einer starken Differenzierung von Ausbildung für die Gesundheitsversorgung: i.d.R. die Ausbildung von Mediziner_innen an Universitäten/Medizinischen Fakultäten, die Ausbildung von Gesundheitsfachleuten i.d.R. im sekundären Bildungsbereich (Berufs-fachschulen bzw. Schulen des Gesundheitswesens) bzw. in Deutschland bisher ein nur kleiner Anteil auch an Fachhochschulen. In Österreich und in der Schweiz hat es hier vor 10 Jahren eine konsequentere Akademisierung im Bildungssystem der Gesundheitsfachberufe gegeben. Der Untertitel der Tagung „Chancen für die Gesundheitsberufe“ ließ den Verweis erkennen, dass die Thematik aktuell von Interesse ist und darin Brisanz und Dynamik für künftige Entwicklungen verborgen sind.

Referentinnen und Referenten aus Schweden, der Schweiz und Deutschland leisteten interessante Beiträge. Die Tagungsteilnehmer_innen dankten dieses und zeigten sich äußerst diskussionsfreudig. 64 Teilnehmer_innen folgten der Einladung zur Tagung: „eine kleine aber feine Tagung (so O-Töne der Teilnehmer_innen)“.

Prof. Dr. Bettig eröffnete als Rektor der Alice Salomon Hochschule Berlin und Ko-Präsident von Hochschulen für Gesundheit e.V. die Tagung. Der Gesundheitssoziologe Prof. Dr. Peter C. Meyer, früherer Leiter des Departements Gesundheit an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), verdeutlichte den Bedarf an neuen Ausbildungsmodellen und ermutigte dazu, das Konzept New Medical Schools (NMS) „outside the box“ zu denken. Er begründete, warum das Land neue Health Professional braucht. „Es wird nicht gleich einen großen Wurf“ geben, so Meyer. „Allerdings geht es um eine radikale Zukunftsorientierung – auch wenn die Mauern dick sind“.

Mit Spannung erwartet waren die Ausführungen von Dr. Martin Schilling, der als in Deutschland ausgebildeter Mediziner nun seit Jahren in Linköping, Schweden, verantwortlich ist für die Ausbildung von Gesundheitsberufen zwischen regionalen Kliniken und Universität. Neues und Verbindendes zwischen den Ländern konnte identifiziert werden: z.B. ein „gap of knowledge“ der Gesundheitsberufe, d.h. nach der Ausbildung nicht adäquat auf die konkrete Versorgung vorbereitet zu sein. Zudem ging es um „Treiber und Gestaltende der Entwicklungen einer angemessenen Ausbildung im Gesundheitssystem “die, die den Hut aufnehmen““. Schilling plädierte für die Investition in die „Schwächsten der Kette – in der Aus- und Weiterbildung“. Hier sei der größte Nutzen für die Versorgung zu erwarten. Sein Beitrag vermittelte die gelebte Verantwortung für Bildung und Einblicke in die Steuerung dieser kontinuierlichen Personalentwicklungsarbeit und ihrer Effekte.

Dr. Beat Sottas, Stiftungsratsmitglied der Carem Stiftung Zürich und selbstständiger Berater, trug provokant die These einer „strukturellen Minderwertigkeit im gegenwärtigen (Gesundheits-)Bildungsraum“ vor und fragte, ob Konzepte von NMS bei ihrer Überwindung helfen. Er begann mit der Vorstellung des Konzeptes Regionaler Hochschulen das bereits auf die OECD von 1975 zurückgeht. Intersektorale Strategien der Gesundheitsbildung brauchen, so Sottas, neben einem gemeinsamen „Dach“, die Festigung von Strukturen, aber auch gleichberechtigte Partner_innen und eine integrative (d.h. über individuelle oder berufsständische hinausgehende) Vision. Visionen müssen in den Dienst des Bedarfes gestellt werden. Interessant waren zudem seine Ausführungen von „disruptiven Lösungen“ durch zentrifugale Kräfte auf dem Markt der Gesundheitsbildung.

In der Diskussion ging es um Fragen einer zeitgemäßen Identität von Versorgenden (im 21. Jahrhundert) und um Treiber von Innovation in der Gesundheitsbildung zwischen Hochschulen, Politik und Anbietern von Versorgungsleistungen. Ist der Abschied der humboldtschen Bildungsidee im Gesundheitssystem symptomatisch? Oder, geht es um die Gestaltung von „Humboldt 2.0“?

Der nächste Tag wurde von Ko-Präsidentin Prof. Christiane Mentrup geleitet.  

Prof. Dr. Heidi Höppner, Professorin für Physiotherapie an der Alice Salomon Hochschule Berlin (ASH), gab Einblicke in die gegenwärtigen Berliner Projekte der Studiengängen Medizin, Ergo- und Physiotherapie sowie Pflege und Kooperation zwischen Evangelischer Hochschule Berlin, Charité Berlin und ASH. Unter dem Label „Operation Team“ – gefördert durch die Robert Bosch Stiftung - werden interdisziplinäre und interprofessionelle Ansätze („INTER-M-E-P-P“ und InterTUT“) der curricularen Verankerung von Angeboten vorgestellt. Sie plädierte - mit Hinweis auf das „Berliner Manifest für mehr interprofessionelle Ausbildung in den Gesundheitsberufen“- dafür, dass nun ansteht, sich weiter gemeinsam für die Umsetzung in Strukturen sowie einen kontinuierlichen Kulturwandel in den Ausbildungen zu engagieren.

Eine „Non-Metropol-Universität“ am Beispiel der Medizinischen Hochschule Brandenburg (MHB) stellte Prof. Dr. med. Wilfried Pommerien, Prodekan für Studium und Lehre in Neuruppin vor. Die MHB wurde gegründet als Maßnahme gegen den Ärztemangel in Brandenburg. Deutlich wurde das innovative Potential einer „fokussierten Universitätsklinik“ (MHB). Kennzeichnend für die Vision an der MHB ist die sorgfältige Auswahl der Studierenden. Hierbei wird neben den kognitiven Kompetenzen Wert auf psychosoziale Kompetenzen sowie auf ihre Motivation in der Region arbeiten zu wollen gelegt. Der didaktische Fokus liegt auf der konkreten Orientierung an problemorientiertem Lernen (POL), einem praxisnahen Studieren in kleinen Gruppen und auf studienbegleitenden Prüfungen. Zudem stellte der Referent die Forschungscluster und die Vision einer starken Forschung in Brandenburg und Verbundaktivitäten mit der Brandenburgisch Technischen Hochschule (BTU) vor.

In der gut besuchten Posterpräsentation wurden vielfältige Innovationen, vorwiegend zu interprofessionellen Bildungsangeboten und deren Evaluation vorgestellt und diskutiert.

In der abschließenden Plenumsdiskussion konnte auch ein Student dazu beitragen, innovative Ansätze in den Ausbildungen besser zu verstehen: Eric Kaiser, Medizinstudent im 4. Semester und ASH Absolvent des Studiengangs Physiotherapie, kann die formalen Leistungen des ersten Studiums nicht anrechnen lassen. Er profitiert – wie auch die anderen bereits berufserfahrenen Kommiliton_innen, so Kaiser, jedoch von viel Praxiserfahrung und Vorwissen. Das innovative Lernen, die kleinen Studierendengruppen und die Praxisnähe hob er positiv hervor. Seine Wahl der MHB als Ausbildungsort ist zudem durch die Bindung an künftige Arbeitgeber_innen (Übernahme der Studienkosten) in Brandenburg und die damit gewährleistete Finanzierbarkeit eines Studiums bestärkt worden.      

Die Abschlussdiskussion drehte sich z.B. um Fragen der Durchlässigkeit der Studiengänge (z.B. auf dem Weg zum Medizinstudium), mögliche „Transformer“ für Entwicklungen bzw. um disruptive Tendenzen zwischen humboltschem Bildungsideal und Fragmentierung von Bildung durch die Ausrichtung von unmittelbarer Verwertbarkeit von Gesundheitsbildung. Mit Verweis auf die nächste Kooperationstagung „Health Universities“ (zusammen mit dem Verein zur Förderung der Wissenschaft in den Gesundheitsberufen VFWG) am Campus FH Wien am 28./29. September 2017 (save the date) und einem informellen Ausklang der Diskussionen beim Mittagessen endete die diesjährige Tagung von HoGe e.V.

Prof. Dr. Heidi Höppner

Mitglied im Vorstand Hochschulen für Gesundheit e.V.

 

 

 

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